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Schon gelesen, dass...

... der Kodex für Medienarbeit von Unternehmen des Arbeitskreises Corporate Compliance am Institute für European Affairs bei den Kommunikationsverantwortlichen der meisten Dax-30-Unternehmen auf höchste Verwunderung stößt?

 

Die Meldung

„O tempora, o mores“ möchte man mit dem alten Cicero wehklagen, nachdem man den Einseiter im „manager magazin“, 2/2015, auf Seite 30 von Sven Clausen gelesen hat. Es muss wirklich nicht nur wirtschaftlich schlecht um die deutschen Medien stehen, vielmehr tut sich auch ein Abgrund von Sittenverfall auf, der um die „Aufrechterhaltung der freiheitlich-demokratischen Rechts- und Wirtschaftsordnung“ fürchten lässt. Die deutschen Verlage, Rundfunkanstalten und ihre Redaktionen sind laut Clausen inzwischen vielfach durch ausbleibende Werbeeinnahmen und schrumpfende Vertriebserlöse dermaßen demoralisiert und in Panik, dass sie frei nach Bertolt Brecht erst ans Fressen, dann an die Moral denken. Clausen schreibt: „Etliche Medienmacher haben sich bereits ergeben. Sie gewähren den Unternehmen Zugang zu ihren redaktionellen Inhalten oder bieten ihnen gar Kommunikationskonzepte wie eine Werbeagentur an.“ Solche Zustände hat Clausen sicher nicht aus eigener Anschauung im eigenen Haus kennen gelernt. Vielmehr klingt das, als ob ihm ein gewisser Prof. Dr. Jürgen Gramke dergleichen in den Mund gelegt, beziehungsweise in den Block diktiert hat. Gramke ist Vorstand des Institute for European Affairs (INEA), das unter anderem einen Arbeitskreis Corporate Compliance zu seinen segensreichen Aktivitäten zählt. Diesem Arbeitskreis gehören laut INEA-Homepage „die Compliance-Verantwortlichen führender deutscher Unternehmen, Repräsentanten öffentlicher Institutionen (BKA, BSI, Generalstaatsanwalt, Richter am BGH etc.), Sparkassenverband, Verband Kommunaler Unternehmen sowie drei Anwaltspersönlichkeiten“ an. „manager magazin“-Autor Clausen zählt explizit auch zwölf Dax-Unternehmen auf: Allianz, BASF, Daimler, Deutsche Bank, Deutsche Börse, Lufthansa, Deutsche Post, Eon, Munich Re, RWE, Telekom und Volkswagen. Außerdem erwähnt er Evonik als Gastgeber der letzten Sitzung des Compliance-Arbeitskreises und Gruner + Jahr. Und dieses hochmögende Gremium hat nun auf seiner Sitzung am 20. Januar einen „Kodex für die Medienarbeit von Unternehmen“ verabschiedet, den Gramke nach eigener Aussage inzwischen an das Justizministerium, die Fraktionschefs des Bundestages und an den Bundesverband der Deutschen Industrie verschickt hat. Warum nicht auch gleich an den Bundespräsidenten persönlich? Die Veröffentlichung im „mm“ löste bei den Kommunikationschefs etlicher Dax-30-Unternehmen helle Aufregung aus. Denn die Bestimmungen des Kodex betreffen ihre ureigene Domäne, aber kaum einer von ihnen will bei der Geburt des sogenannten Kodex geholfen haben. Aufgeregte Anfragen in der eigenen Compliance-Abteilung und bei anderen Unternehmen ergaben, dass auch von den Compliance-Experten der Dax-Unternehmen kaum einer dabei gewesen sein will, als das staatstragende Papier verfasst wurde. Neben einem Vertreter von Evonic als Gastgeber der Tagung konnten bislang nur noch Abgesandte der Deutschen Bahn und der Commerzbank lokalisiert werden. Sonst will niemand seine Teilnahme bestätigen. Nicht verwunderlich: Denn es ist ja wohl kaum vorstellbar, dass Compliance-Verantwortliche ein solches Papier unterschreiben, ohne die dafür in der Praxis zuständigen Kommunikationskollegen zu konsultieren. Nach dem „Kodex“ sollen sich die Unternehmen verpflichten, weder Redakteure noch Verlage zu bestechen, zu nötigen oder zu belügen. Dafür, so unterstellt das Pamphlet, bestehe dringender Handlungsbedarf, da die meisten Medien inzwischen wirtschaftlich so schwach eien, dass sie sich auf jedes unsittliche Angebot stürzten, um ihren Lebenszyklus zu verlängern. In drei Punkten verlangt der „Kodex“ im Wesentlichen folgende Selbstverpflichtungen der Unternehmen bei ihrer Zusammenarbeit mit Medien: • Die Unternehmen dürfen die Medien nicht unwahr oder irreführend informieren. Die Unternehmen dürfen einzelne Medien oder Journalisten nicht aufgrund erfolgter oder zu erwartender kritischer Berichterstattung von allgemeinen Presseterminen ausschließen ... • Die Unternehmen gewähren keine direkten oder indirekten Vorteile an Journalisten oder Medienunternehmen, um die Entscheidungsfreiheit der Medien über Berichterstattung zu beeinträchtigen oder auf den redaktionellen Inhalt Einfluss zu nehmen. Unzulässig ist es deshalb, Journalisten, die mit der Berichterstattung über das Unternehmen befasst sind oder befasst sein könnten, oder deren Angehörigen entgeltliche Aufträge für Beiträge der Unternehenskommunikation, Moderationen, Reden, Coachings oder Ähnliches anzubieten. Unternehmen dürfen einzelnen Medien nicht mit Anzeigenentzug drohen, um kritische Berichterstattung zu verhindern. Und sie dürfen keine Journalistenrabatte gewähren, keine unangemessenen Einladungen aussprechen und Geschenke verteilen, um die Berichterstattung zu beeinflussen. • Unternehmen erwarten oder verlangen im Zusammenhang mit dem Schalten von Werbung keine redaktionellen Beiträge und wirken auf die klare Erkennbarkeit oder Kennzeichnung als Werbemittel hin. Dass es bereits einen Pressekodex und Landespressegesetze gibt, die genau in diese Richtung zielen, beeindruckt Gramke und seine weitgehend unbekannten Mitstreiter nicht. Dem „manager magazin“ sagte Kodex-Coautor Tilmann Kruse, Sprecher des Presserats und Justitiar von Gruner + Jahr, diese Regelungen seien wegen der neuen Machtverhältnisse zwischen Unternehmen und Presse inzwischen wirkungslos. Der muss es ja wissen. Seine Redaktionskollegen vom „Stern“ und von anderen Blättern des Verlags werden ob dieser Unterstellung aber not amused sein. Noch weniger dürfte sie und ihre Berufsgenossen in anderen Redaktionsstuben erfreuen, dass den moralischen Zeigefinger ausgerechnet der Kurzzeitminister von Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Jürgen Gramke, hebt, der einst Mitbegründer der Sicherheitsfirma Prevent AG war, die nach dubiosen Geschäftspraktiken unter anderem im Dienste der HSH Nordbank in Konkurs ging. Zurück zu Cicero in freier Interpretation: Quousque tandem abutere, Jürgen, patientia nostra? (Wie lange noch, Jürgen, wirst du unsere Geduld missbrauchen?)

 

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